Rettungsaktion


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    Main-Post Samstag, 19.02.2000

    Über 200 Hunde haben Tierschützer und Behördenvertreter gestern auf dem Gelände des 69-jährigen Hundehändlers Mario Busca in Maßbach (Lkr. Bad Kissingen) eingefangen und auf 32 Tierheime in ganz Deutschland verteilt. Die Unterbringung der Hunde kostet den Landkreis nach Angaben von Landrat Herbert Neder 84 000 DM.
    Die Aktion hatte am frühen Morgen begonnen und bis zum Abend gedauert. Nachdem die Hunde durch mit Beruhigungsmitteln präpariertes Futter ruhig gestellt worden waren, konnten die Helfer die Tiere aus dem Anwesen tragen, sie katalogisieren und an entsprechende Tierschutz-Organisationen weitergeben. Mario Busca, der bislang allen behördlichen Maßnahmen getrotzt hatte, zeigte sich einsichtig und half beim Einfangen der Tiere. Es kam nicht zu den erwarteten Zwischenfällen. "Für mich" sagte der alte Mann, "ist das ein Begräbnis". Er meinte die Rettungsaktion für seine Tiere, die gestern eingefangen wurden und von Tierschutzvereinen in ganz Deutschland an neue Besitzer vermittelt werden sollen.
    Um ihn scharten sich seine Hunde. Weit über 200 sollen es sein: Trächtige Hündinnen mit dicken Bäuchen, alte Hündinnen mit ausgeleierten Zitzen, streitbare und zurückhaltende Rüden, viele mißtrauische und menschenscheue Welpen. Alle dreckig, voller Flöhe und Produkte einer über 20 Jahre währenden Inzucht.
    Fast genauso lange schon dauert der Streit des Mario Busca mit den Behörden. Seit er Ende der 70er Jahre den eineinhalb Hektar großen "Neubauhof" von der örtlichen Jagdgenossenschaft gepachtet hat, gibt es Ärger. 15, vielleicht 20 Hunde hatte er, als er einzog. Sie sicherten ihm den Lebensunterhalt. Zwischen 150 und 300 DM verlangte der Hundehändler für Jungtiere. Interessenten für seine vierbeinige Ware fand er durch Zeitungsannoncen, die Käufer bekamen die Hunde mitsamt fantasievoll gestalteter "Zuchtpapiere" über den Zaun gereicht.
    Jahrelang liefen seriöse Hundezüchter gegen Buscas Treiben Sturm, jahrelang prangerten Tierschutzorganisationen Verstöße gegen das Tierschutzgesetz an, immer wieder forderte die Gemeinde Maßbach Hundesteuer, immer wieder machte das Landratsamt Auflagen. Busca ließ alle Anordnungen ins Leere laufen, ignorierte Zwangsgelder, setzte sich über das Verbot der Zucht und Haltung von Hunden hinweg, überzog seine Kritiker mit unflätigen Beleidigungen, warf mit Eisenstangen. Gleichzeitig schöpfte er alle Möglichkeiten aus, die der Rechtsstaat bietet. Daß ihm in der Vergangenheit nie jemand so recht die Stirn geboten hatte, ließ den alten Mann glauben, er sei unantastbar.
    Erst gestern merkte Busca, daß er verloren hat: Widerstandslos akzeptierte er Polizei, Technisches Hilfswerk, Katastrophenschutz und Vertreter des Landratsamtes in seiner Nähe, er intervenierte nicht, als mit Beruhigungsmitteln präpariertes Hackfleisch an seine Tiere verfüttert wurde, reichte den Tierschützern sogar ein paar Hunde zum Abtransport. "Ich werde Ihnen nicht den Gefallen tun und tätlich werden" rief er den Journalisten zu.
    Dafür gab es auch keinen Grund. "Bloß keine Eskalation" war die Devise. Und so behandelten alle an der Aktion Beteiligten den unberechenbaren alten Mann wie ein rohes Ei. Nicht mal, als er plötzlich die Regie übernahm und bestimmte, welche Tiere in welches Tierheim gefahren werden, welche Fahrzeuge aufs Gelände gelassen werden und welche nicht, erhob jemand Einspruch. Es schien, als ob die Behörden ihm seinen letzten öffentlichen Auftritt gönnten.
    Während Busca vor laufenden Fernsehkameras die Sorge äußerte, die Hunde würden in den Tierasylen "nicht so gut untergebracht, wie sie es gewöhnt sind" hörte eine Tierschützerin leises Fiepsen. Es kam von eine Mischlingshündin, die unter einer Baracke vor dem Tor des Neubauhofs bei eisiger Kälte fünf Welpen geboren hatte. Die Helfer mußten sich auf den Bauch legen, um die wild um sich beißende Hundemutter und ihre Babys aus dem knöcheltiefen Morast zu ziehen. "Der war am Boden festgefroren" sagte eine Tierschützerin un hielt fassungslos einen winzigen Welpen hoch. Während der neugeborene Hund in den Händen der weinenden Frau starb, ging die Räumung des Neubauhofs weiter.
    Rund 160 Hunde hatten die Helfer bis 16 Uhr eingefangen, fotografiert, katalogisiert, kurz auf ihren Gesundheitszustand untersucht und in die Tierschutz-Autos verladen. Ein paar besonders scheue Tiere mußten mit einem Schuß aus dem Narkosegewehr betäubt werden, ein paar besonders wehrhafte sind ihren Rettern abgehauen. Und in den abfahrenden Autos befanden sich auch ein paar säugende Hündinnen, die ihre Welpen in einem der vielen Erdlöcher und Höhlen auf dem unübersichtlichen Gelände zurückgelassen haben.
    Mario Busca hat vor Journalisten angekündigt, sich nun Katzen anzuschaffen.......

    von Gisela Schmidt


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